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19. September 2015
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Buchtipp

15.09.2015


Eine Annäherung an Kuba
Hans Modrow im Gespräch über seine Biografie und zwei Staaten

Volker Hermsdorf, Hans Modrow, Amboss oder Hammer, Gespräche über Kuba, Verlag Wiljo Heinen, Berlin, 429 Seiten, 16 Euro, ISBN 978-3955140205

Historische Zeiten in Kuba. Im Dezember traten US-Präsident Barack Obama und sein kubanischer Amtskollege Raúl Castro gemeinsam vor die Kameras, um die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zu verkünden. Vor wenigen Wochen dann eröffnete US-Außenminister John Kerry eine US-Botschaft in Havanna. Nach mehr als einem halben Jahrhundert weht das Sternenbanner wieder in der Hauptstadt des sozialistischen Kuba.

Der Band "Amboss oder Hammer - Gespräche über Kuba" erscheint damit zu einer Zeit, in der das Interesse an dem kleinen, aber bedeutenden Karibikstaat wieder einmal erwacht ist. Und, nein, der 429-Seiten-Band im Softcover kommt nicht zu spät, weil er die Annäherung zwischen Kuba und den USA noch nicht berücksichtigen konnte. Das Konzept ist ein anderes: In elf chronologisch geordneten Kapiteln berichtet Hans Modrow über seine persönliche Annäherung an den sozialistischen Inselstaat. Die Unterschiede zum DDR-Sozialismus stellt der letzte von der SED gestellte Regierungschef der DDR, spätere Bundestags- und Europaabgeordnete und heutige Vorsitzende des Ältestenrates der Linkspartei unaufgeregt dar. Während sich schon in den 1960er Jahren eine Kluft zwischen DDR-Führung und -Jugend auftat, hatten Kuba und seine bärtigen Revolutionäre - von der Obrigkeit mitunter kritisch beäugt gesehen - für die jungen Leute zwischen Erzgebirge und Ostseestrand Idolcharakter.

Der heute 87-jährige Modrow, der Fidel Castro persönlich erstmals 1993, also nach dem Ende der DDR, traf, erklärt im Gespräch mit dem westdeutschen Autor Volker Hermsdorf den kubanischen Sozialismus aus seiner Geschichte und Gegenwart heraus. Etwa in der Frage der Reisefreiheit. In der DDR habe der Ausreisedruck gen Westen nicht vorrangig politische, sondern wirtschaftliche Gründe gehabt, so Modrow. In Kuba gebe es ähnliche Entwicklungen. Doch die dortige Führung reagiere mit strukturpolitischen Maßnahmen, die ein Leben auf dem Land auf für jüngere Generationen wieder attraktiv machen sollen.

Viele der aktuellen Fragen, auch zur deutschen und europäischen Kuba-Politik, beantwortet Modrow auf Basis seiner inzwischen 45-jährigen Erfahrungen mit dem sozialistischen Karibikstaat. Der Reiz des Buches besteht dabei auch in der ambivalenten Rolle des Interviewten als Elder Statesman einerseits und Außenseiter andererseits, der aus dem politischen Diskurs in Bundesdeutschland weitgehend ausgegrenzt wird, der zugleich aber, wie er betont, in Politik und Diplomatie über beste Kontakte verfügt. "Amboss oder Hammer - Gespräche über Kuba" steht damit in einer Reihe politischer Interview-Biografien, einem für Deutschland eher unüblichen Genre, das bisher vor allem von dem französischen Publizisten Ignacio Ramonet bedient wurde.

Harald Neuber


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